Inspiration: Interview

Speed Twin: Rückkehr zur Brooklands-Rennstrecke

Fahrt anlässlich des 80. Jubiläums der Supercharged

Als Ivan Wicksteed 1938 mit seiner Supercharged Speed Twin „einem Pistolengeschoss gleich“ über die Ziellinie der Rennstrecke von Brooklands raste, klang der geschmeidige Sound des Motors den Zuschauern wie Musik in den Ohren.

Als er nach der Aufwärmrunde mit starken Windböen kämpfend die regengepeitschte Railway Straight herunter donnerte und Sekunden später die Ziellinie überquerte, hatte er mit 189,93 km/h einen neuen Rundenrekord aufgestellt.

Mit dieser Meisterleistung aus dem Jahr 1938 feierten Ivan Wicksteed und Marius Winslow, sein Mechaniker und Freund aus Kindertagen, einen Triumph. Noch im Vorjahr hatte dieser bei der Einführung des 500 cm³ Bikes von Triumph-Geschäftsführer Edward Turner eine Abfuhr erhalten, als er ihn bat, ihm ein Modell zum Sonderpreis zu überlassen, das sie für einen Rekordversuch modifizieren wollten. Sie glaubten daran, dass sich der neue Zweizylindermotor von Triumph effektiv modifizieren und aufladen ließe, um damit den Streckenrekord von Brooklands brechen zu können. Doch die Konstrukteurslegende Turner tat diese Idee mit einem Schulterzucken ab, drehte sich auf dem Absatz um und ließ ihn einfach stehen. Schließlich kaufte Winslow das Bike und finanzierte das Projekt aus eigener Tasche.

Autor und Fotograf Phillip Tooth erhielt einen exklusiven Einblick in die Tagebucheinträge der beiden, die die Grundlage für diese Geschichte bilden.

Foto (und Header-Image) von Philip Tooth

Die Legende lebt

Achtzig Jahre später kehrte das geschichtsträchtige Bike, dessen Rekordzeit auf Ewigkeit Bestand hat, auf den berüchtigten, holprigen Kurs der in Surrey gelegenen Rennstrecke zurück, die heute Triumph-Sammler Dick Shepherd gehört:  „Wir hatten gar nicht vor, richtig Gas zu geben oder gar einen Rekord aufzustellen, aber der Sound war einfach überwältigend! Als ich am Gasgriff drehte, entfaltete der Auspuff ein Röhren, das mir selbst nach all den Jahren die Nackenhaare zu Berge stehen ließ,“ sagt er.

Jahrzehnte zuvor notiert Wicksteed in seinem Tagebuch: „Ich war derjenige, der am meisten überrascht war, als man verkündete, dass ich den Rekord gebrochen hatte“, während sein Partner Marius mit britischem Understatement vermerkt: „Eine Aufwärmrunde und eine Runde mit Vollgas gefahren. Mit 189,93 km/h neuen Rekord in der 500 cm³-Kategorie aufgestellt.“

Bildnachweis: Philip Tooth
Bildnachweis: Philip Tooth

Die modifizierte Speed Twin wurde sofort berühmt und Turner schaltete ganzseitige Werbeanzeigen in der einschlägigen Fachpresse, in denen er den beiden Freunden gratulierte und sie zu einem „guten Mittagessen“ einlud. Nachdem er sich auf diese Weise bei ihnen entschuldigt hatte, lud er sie ins Werk ein und bat ihnen zudem jede erdenkliche Unterstützung an, um auch noch den fehlenden „Double Gold Star“ zu gewinnen, der für eine Rundengeschwindigkeit von mehr als 193 km/h in einem Rennen verliehen wurde. Marius bat ihn um einen Rahmen der 1939er Tiger 100, an dem er einen Arnott Concentric Supercharger verbauen wollte, eine Vorderradgabel, einen neuen T100-Motor mit 8 Stehbolzen und einen Zylinderkopf aus Bronze.

Das siegreiche Bike war zwischenzeitlich wieder an den Mann zurück verliehen worden, der es ihnen 1937 verkauft hatte, während die Freunde mit der Arbeit an ihrem neuen Projekt begannen. Der Zylinderkopf und die Stehbolzen brachten allerdings nicht die erhoffte Verbesserung. Es gab so viele Probleme, dass sie das Gefühl hatten, ganz von vorne beginnen zu müssen, und so schloss Marius 1939 frustriert sein Tagebuch.

Das letzte Rennen fand am 7. August auf dem Kurs von Brooklands statt. Bis zu Shepherds Rückkehr in diesem Jahr sollte das Rekordbike nie wieder fahren.

Rekonstruktion des Originals

Dick Shepherd, von dem zahlreiche Motorräder in der Factory Visitor Experience von Triumph zu sehen sind, hatte den Nachbau der Supercharged Speed Twin gekauft. Dieser verfügte über einen Motor mit acht Stehbolzen, den Originallenker – ein Geschenk von Ivan – und den Vergaser mit Bowdenzug, den Ivans Sohn Michael an einem Stück Draht hängend im Gewächshaus entdeckt hatte. Dem Nachbau lagen auch Kopien von Winslows Tagebüchern bei.

Später kaufte Shepherd einem Sammler den Bronze-Zylinderkopf eines T100-Motors ab. Er trug keine Motornummer, doch am Boden des Kurbelgehäuses waren drei Zahlen zur Kennzeichnung der passenden Hälften eingestanzt. Er erinnerte sich, dass Winslow in seinem Notizbuch vermerkt hatte, dass seine T100 keine Motornummer trug. Jedoch waren darin auch die drei Zahlen erwähnt – wie sich herausstellte, die gleichen, die auch Shepherds Motor trug.

Als Shepherd mit dem Sammler Kontakt aufnahm, stellte sich heraus, dass dieser auch die Hauptkomponenten des Brooklands-Rekordbikes besaß. Er kaufte Motor und Rahmen sowie die Vorderradgabel, Räder und Tanks und den mit Prallblechen bestückten, kleinen keilförmigen Luftsammler.

Bildnachweis: Philip Tooth
Bildnachweis: Philip Tooth

Neben Lenker und Vergaser wurden der Brooklands-Auspuff und der Arnott Supercharger vom Nachbau entfernt und am Originalbike verbaut. Bei seiner Rückkehr zur Strecke von Brooklands bemerkte er reumütig: „Hätte Ivan bei solch strahlendem Sonnenschein wie heute das Bike von Marius gefahren, dann hätte er den Rundenrekord von 193,12 km/h gebrochen. Wäre der Krieg nicht dazwischengekommen, hätte Turner sie bei späteren Versuchen sicherlich unterstützt.“

Stattdessen wurde die Strecke von Brooklands teilweise umgebaut, um Platz für eine nun von Unkraut überwucherte Landebahn zu schaffen. Doch wenn man genau hinhört, meint man, noch immer das Röhren der Rekordmaschine vernehmen zu können.

Dem Namen Speed Twin steht ein unglaubliches Comeback bevor. Mit dem Design eines modernen Klassikers und der Leistungsfähigkeit eines Roadsters ist das Bike etwas ganz Besonderes.

Eigentümer Dick Shepherd auf der Supercharged Speed Twin mit dem Volunteer Motorcycle Team im Museum von Brooklands. Bildnachweis: Philip Tooth.