Inspiration: Big Trip

Rocket Man: Teil 4

Südamerika steckt voller Überraschungen

Auf der vorletzten Etappe seiner emotionalen Tour rund um den Globus mit der Rocket X räumt Mark Holmes mit einigen Missverständnissen über Südamerika auf. Seine Entdeckungsreise begann ein Jahr zuvor nach dem Tod seiner Frau und hat ihn immer wieder aufs Neue überrascht. Lesen Sie den Anfang von Marks Geschichte

Hier berichtet er über sechs Dinge, die ihn unterwegs wirklich verblüfften.

Die Hilfsbereitschaft anderer

Meiner Erfahrung nach gibt es zwei Möglichkeiten, um jedes Problem zu lösen, wenn man alleine unterwegs ist. Entweder versucht man, selbst damit klar zu kommen, oder man hofft auf die Hilfsbereitschaft anderer.

Als ich in Chiles Hauptstadt Santiago mein Bike abholte, das ich von Australien hatte einfliegen lassen, war ich mir nicht sicher, was ich von den südlichen Ländern dieses Kontinents zu erwarten hätte, von denen die Weltpresse ein so negatives Bild zeichnete. Für den Transport war die Luft aus dem Vorderreifen abgelassen und der Tank bis auf knapp einen Liter entleert worden. Daher trat ich die acht Kilometer lange Fahrt bis zur nächsten Tankstelle auf der verkehrsreichen Schnellstraße mit einem äußerst bangen Gefühl an.

Tatsächlich verließ mich das Glück. Der Sprit ging mir aus. Also machte ich mich zu Fuß zur nächsten Tankstelle auf, nur um feststellen zu müssen, dass man dort keine Reservekanister verkaufte. Schließlich kramte ein Tankwart von irgendwo eine Plastikflasche hervor. Problem gelöst. Dann stellte ich fest, dass die Reifenluftpumpe an der Tankstelle kaputt war. Ein Lkw-Fahrer, der an der Tankstelle Halt gemacht hatte, half mir schließlich, indem er einen Schlauch an seinen Kompressor anschloss und auch dafür sorgte, dass der Luftdruck im Reifen stimmte.

Beeindruckendes Naturschauspiel

Wie in vielen Städten Südamerikas vermischt sich auch in Santiago spanische Kolonialarchitektur und Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts mit einer lebhaften, modernen Atmosphäre. Das Land erstreckt sich von der Atacama-Wüste im Norden bis zu den Bergen, Fjorden und Gletschern im Süden. Genau diese Region war mein Ziel. Täglich war ich acht bis zehn Stunden unterwegs, bis ich schließlich den Perito-Moreno-Gletscher jenseits der Anden in Argentinien erreichte.

Dieses Monster von einem Gletscher schiebt sich am Südzipfel der Anden den Berg hinab und mündet in einem milchig-blauen See. Immer wieder brechen große Eisbrocken ab. Zunächst vernimmt man ein lautes Knacken, gefolgt von einem Grollen, Platschen und Gluckern und schließlich dem überraschten Kreischen der Touristen wie mir. Ein Erlebnis, das einem kalte Schauer über den Rücken jagt. Der Anblick ist wahrlich atemberaubend. Dabei lassen sich Ereignisse wie dieses während der Sommermonate mehrmals täglich miterleben. Daran ist allerdings nicht der Klimawandel schuld. Diese Vorgänge spielen sich schon seit Jahrtausenden ab. Im Sommer liegen die Temperaturen stets über dem Gefrierpunkt und da die Seeoberfläche gerade einmal 180 Meter über dem Meeresspiegel liegt, schmilzt der Gletscher zwangsläufig.

Der unglaubliche Perito-Moreno-Gletscher

Einfältig blickende Lamas in Patagonien

Je weiter ich in den Süden Patagoniens vordrang, desto flacher wurde die Landschaft. Der Wuchs der Bäume ist dort gedrungener, das Gebüsch dorniger, die Gräser gröber. Ich traf dort auf zahlreiche Llamas, die mich mit ihren einfältigen Blicken taxierten und amüsierten. Häufig habe ich mich sogar mit ihnen unterhalten, wenn ich das Tempo drosselte, um mich vorsichtig an ihnen vorbei zu bewegen. Unter meinem Helm gehen zuweilen seltsame Dinge vor, wenn kein anderer Gesprächspartner greifbar ist. In Patagonien sind mir auch zahlreiche Gürteltiere über den Weg gelaufen, was auf meinen weiteren Reisen wohl so schnell nicht wieder der Fall sein wird.

Fußball und Wasserfälle

Ich wusste, dass Buenos Aires für seine leidenschaftlichen Fußballfans bekannt ist, doch inwieweit diese den Verkehr und die gesamte Stadt lahmlegen können, hat mich mehr als überrascht. Die Stadien der Vereine River Plate und Boca Juniors befinden sich beide im Stadtzentrum und sind von wunderschönen Gebäuden, Kunstinstallationen, farbenfroh gestrichenen Wänden, moderner Architektur und Tangoschulen umgeben. Es scheint, als bildeten Kunst und Fußball hier eine untrennbare Symbiose.

Von Buenos Aires aus fuhr ich drei Tage lang in Richtung Norden. Mit dem Überqueren des südlichen Wendekreises an der Grenze zwischen Argentinien und Brasilien spürt man, wie Temperaturen und Luftfeuchtigkeit ansteigen. Auf der Fahrt kam ich auch an der Grenze zu Paraguay und dem nahegelegenen Iguazú und den Iguazú-Wasserfällen vorbei. Mit insgesamt 275 Wasserfällen auf einer Länge von 2,7 Kilometern ist sie die weltweit größte Ansammlung von Wasserfällen. Das Wasser stürzt aus einer Höhe von 80 Metern in die Tiefe und erzeugt dabei eine gewaltige Gischt, die jeden Besucher bis auf die Haut durchnässt.

Die Iguazú-Wasserfälle

Meine Rocket ist auch nur ein Mensch

Einen echten Schock habe ich in Brasilien erlebt. Auf dem Weg nach Rio de Janeiro durch das weitläufige Stadtgebiet von Sao Paolo ist an meinem Bike ein Teil gebrochen. Ich konnte kaum fassen, dass meine bis dahin unzerstörbare Rocket letztendlich auch nur ein „Mensch“ ist, schließlich hatte sie mich um den gesamten Globus getragen und dabei nie Schwächen gezeigt. Immer bin ich durchgekommen. Von da an erforderte das Schalten mehrere Schläge auf den Hebel und selbst dann konnte ich nur hoffen, den optimalen Punkt zu erwischen, damit der nächste Gang einsprang. Ich kam zwar voran, aber es war eine Qual.

Triumph verfügt jedoch in den meisten Ländern über ein gut ausgebautes Händlernetz und glücklicherweise gibt es in Brasilien neben dem Montagewerk auch ein gutes Servicenetz. Ein großer Händler befindet sich in Sao Paolo, ein weiterer in Rio. Ich riskierte, bis Rio durchzufahren, und hatte Glück. Triumph Rio Barra hat mir aus der Patsche geholfen. Ich verbrachte insgesamt 11 Tage in Rio, während ich auf das Eintreffen des Ersatzteils wartete. Eine Feder hatte schlapp gemacht! Nach all den Kilometern war nur eine Feder in meinen Getriebe gebrochen.

Rio ist gleichermaßen faszinierend und wunderschön. Es gibt dort wunderbare Menschen, Fußball, Dschungel, Regenwald, riesige Flüsse und natürlich den Samba. Auf all dies blickt die Statue von Christus, dem Erlöser herab, an der 12 Jahre lang gebaut wurde. Sie erhebt sich 700 Meter über der Stadt auf dem Corcovado. Was wäre eine Reise nach Rio ohne den Besuch eines Fußballspiels? Als Zuschauer im Maracana-Stadion erlebte ich einen besonderen Höhepunkt als Vasco da Gama mit 3:2 gegen Fluminense im Halbfinale des Carioca Cup gewann. Obwohl es auch dort Fankurven gibt, sitzen gegnerische Fans friedlich nebeneinander und umarmen sich nach dem Schlusspfiff gar.

Die Rocket hat nahezu ohne einen Mucks die Welt umrundet

Lächelnde Menschen, die der Armut trotzen

Kaum erreichte ich Bolivien, kamen Zweifel in mir hoch, ob diese Route eine gute Entscheidung war. Der Grenzübergang glich einer Szene aus einem Katastrophenfilm. Als ein Mann im Tarnanzug mich schließlich durchwinkte, flüsterte mir ein Zollbeamter zu: „Wir wissen, dass wir im Osten Probleme haben. Es gibt einfach kein Geld.“

Ich verbrachte einige Nächte an schrecklichen Orten ohne Klimaanlage, einem von Hunde bewachten Wasserbehälter und Vorhängen, die den Namen kaum verdienten. Ich war überrascht und dankbar, dass mir die Menschen dennoch mit einem breiten Lächeln begegneten.

Bis nach Santa Cruz, der größten Stadt Boliviens, war die Qualität der Straßen annehmbar. Dann wechselte ich von der Ruta 4 auf die Ruta 7, musste jedoch nach wenigen Stunden an einer Straßensperre anhalten. Dort protestierten die Einwohner, weil sie zwar eine Schule, aber kein Geld für die Bezahlung eines Lehrers hatten. Nach vier Stunden ließ man mich weiterfahren. Schon bald ging die kaputte Straße in eine Baustelle mit unbefestigter Fahrbahn aus Schotter, Sand, Matsch und gelegentlichen, tiefen Löchern voller rutschiger Kiesel über. Hier ging es nicht weiter. Ich war gezwungen umzukehren.

Die Aussicht, am folgenden Tag meine Reise auf einer befestigten Straße fortsetzen zu können, gab mir Auftrieb, denn dann wollte ich die auf 3.650 Meter Höhe gelegene Hauptstadt La Paz erreichen. Allerdings endete die Straße 100 Kilometer vor dem Ziel in einer weiteren riesigen Baustelle. Und zwar in beiden Fahrtrichtungen. Schließlich habe ich es völlig entkräftet doch geschafft. Obwohl die Rocket für Asphaltstraßen gemacht ist, hat sie sich auf den schlechten Straßen wacker geschlagen.

Dies ist ein armes Land, das sein Einkommen nur mit dem Abbau von Zinn, der Landwirtschaft und der Textilindustrie erzielt. Trotzdem waren die Menschen sehr freundlich zu mir.

Schon häufig habe ich auf meinen Reisen die Erfahrung gemacht, dass die, die am wenigsten haben, oft am großzügigsten sind.