Inspiration: Festival

REISEN BESEITIGT VORURTEILE

Der 150.000te Kilometer passierte (fast) vor der Haustür

Wolf Haenlein ist freier Sport- und Motorjournalist aus Wien, der nichts mehr liebt als das Gefühl, auf dem Motorrad zu sitzen und einfach loszufahren – am liebsten weit, weit, weg. 150.000 Kilometer begleitete ihn dabei schon die Triumph Tiger 800 XC, und es sollen noch mehr werden…

Das Thermometer zeigt gerade einmal ein Grad Plus an, als ich in die Motorradstiefel schlüpfe. Vielleicht doch noch eine vierte Bekleidungsschicht unter der Jacke? Zwiebelprinzip, kann nicht schaden. Aber die Sonne scheint schon jetzt am Morgen. Muss sie ja auch, bei dem Anlass. Heute werden die 150.000 Kilometer mit meiner Triumph Tiger 800 XC vollgemacht! Ein Motorrad, welches mich auf Anhieb angesprochen hatte, als es Anfang 2011 präsentiert wurde, das ich mit der Zeit aber immer mehr lieben lernte. Wegen seiner Vielseitigkeit, seiner Zuverlässigkeit. Seinem immer bereit sein. Für den täglichen Weg zur Arbeit genauso gewappnet wie für die große Reise, ganz egal wo die hingehen mag.

Ich gehe jetzt mal runter in die Garage.

Auf den ersten Drücker ist der Dreizylinder da, schnurrt wie immer vor sich hin. Ein Motor, der schon wegen seiner einzigartigen Charakteristik süchtig machen kann. Ob schaltarm gefahren zum Dahincruisen oder hochdrehend, um anderen Straßenmitbenutzern die Krallen der britischen Raubkatze zu zeigen. 95 PS mögen nach heutigen Maßstäben niemanden vom Hocker reißen, sind aber ausreichend in einer Reiseenduro, speziell im von mir bevorzugten kurvigen Geläuf, ganz speziell wenn man regelmäßig die befestigten Wege verlassen will. Wofür die XC mit ihrem 21-Zoll-Vorderrad und ordentlichen Federwegen gewappnet ist.

Auch heute wird wieder der eine oder andere Schotterweg dabei sein, wenn es von Wien in südliche Richtung ins Burgenland geht, um dann irgendwo rund ums Rosaliengebirge, auf den Hausstrecken meiner Jugend, den 150.000ten gemeinsamen Kilometer zu absolvieren. Nicht gerade ein spektakulärer Ort für ein Motorrad, das schon so viel gesehen hat. 27 Länder sind es, die wir bislang gemeinsam bereisten. Aber was soll’s, ich biege auf die Autobahn, um erst einmal aus der Stadt rauszukommen, und schwelge in Erinnerungen…

„Du willst nach Rumänien?“ Kopfschütteln war noch so ziemlich die netteste Antwort, als ich im Frühjahr 2012 im Bekanntenkreis meine Reisepläne offenbarte. Zusammen mit Sozia entdeckten wir ein Land, wie geschaffen für Motorradabenteuer, weshalb ich seither relativ regelmäßig dort unten meine Kreise ziehe. Schlaglöcher mit einem Meter Durchmesser waren damals keine Seltenheit auf den „asphaltierten Offroadstrecken“, wie ich die Straßen dort gerne bezeichne, die Tiger 800 XC ist wie geschaffen für die unterschiedlichsten Anforderungen im Land des Dracula. In dem wir durchwegs auf nette, hilfsbereite Menschen stießen. Was in Moldawien und der Ukraine nicht anders war, wenngleich die Grenzkontrollen um einiges intensiver ausfielen. Das Straßenbild aber konnten die Grenzzäune nicht ändern, überall begegneten uns vor allem winkende Kinder, die Jungs meist nebenher laufend und mit der rechten Hand anzeigend, dass man den Motor aufheulen lassen solle. Reisen beseitigt Vorurteile. Nur einmal, im rumänischen Apuseni-Gebirge, war es ein völlig anderes Bild, als wir bei der Durchfahrt durch eine entlegene Roma-Siedlung von Kindern mit Steinen beworfen wurden.

Im ukrainischen Odessa wurde das Motorrad dann übrigens so gut bewacht, wie davor und danach nie wieder – umgerechnet fünf Euro Trinkgeld reichten, dass der Security-Mann des Hotels Tag und Nacht nicht mehr von des Tigers Seite wich…

Mittlerweile hat es zwischen zwei und drei Grad und ich lasse ich es auf den unbefestigten Güterwegen Richtung Leithagebirge stauben. So wie damals in den Westalpen…

…landschaftlich sicher eine der aufregendsten Reisen, auf der ich so gut wie nichts ausgelassen habe. Von den großen, asphaltierten Pässen der Route des Grandes Alpes, wie den Col de l’Iseran, den 2.802 Meter hohen Cime de la Bonette oder meinen persönlichen Favoriten in der Ecke, den Colle della Lombarda, bis hin zu den Schotterhighlights des westlichen Europas: Ob die damals noch nicht entschärfte Ligurische Grenzkammstraße, Assietta, Maira-Stura, Monte Jafferau oder die 46 dicht übereinander liegenden Kehren des Col de Tende – es war mir ein Vergnügen, sie alle und noch viel mehr Strecken dieser Art unter die Speichenräder der Triumph zu nehmen. Die Vorliebe für unbefestigte Wege trieb mich aber immer öfter in den Osten, 2013 lernte ich Albanien für mich kennen, ein Jahr später kam es dort zum bisher einzigen Sturz, den ich als mehr denn ein kleines Offroad-„Hoppala“ bezeichnen würde: Auf der Nordroute von Theth Richtung Shkoder musste ein scharfer Stein den Mantel des Vorderreifens aufgeschlitzt haben, was bei relativ flottem Tempo zu einem unsanften Abflug samt Rippenprellungen führte. Bei der Weiterreise durch Montenegro, Bosnien, Kroatien und Slowenien waren die mitreisenden Kollegen dann so nett, mir beim Auf- und Absteigen behilflich zu sein. Beim Fahren selbst hatte ich keinerlei Probleme, weshalb ich meist den ganzen Tag auf dem Motorrad sitzen blieb, selbst an der Tankstelle nicht abstieg, bei Foto- und Trinkstopps sowieso nicht…

149.984 Kilometer auf der Uhr. Das Leithagebirge von Stotzing nach Eisenstadt geht, wenn man es mit den Gesetzen nicht so genau nimmt, natürlich schneller als mit der Triumph Tiger 800 XC und ich habe durch meinen Job als Journalist auch immer wieder stärkere Motorräder zum Testen – dennoch geht mir nichts ab, wenn ich dann wieder auf „meinem Tiger“ sitze. So wie jetzt, wo ich diese Kurven einfach genieße…

Kurven? Davon sprechen, ohne Sardinien erwähnt zu haben, wäre ein Sakrileg für jeden Motorradfahrer, der schon einmal dort gewesen ist. Sind wir 2014, wobei das Eiland nicht nur wie weitläufig bekannt für Straßenliebhaber perfekte Bedingungen liefert, die die Reifen schneller als anderswo schmelzen lassen, sondern auch meine Schottervorlieben nicht zu kurz kamen, während Sozia ab und zu am Strand ausspannte. Auch die Abruzzen haben für beide Welten des Motorradreisens, die sich mit der 800 XC so vorzüglich vereinen lassen, einiges zu bieten, inklusive rauer Gebirgszüge, die mich stark an die Karpaten erinnerten – nur mit dem besseren Essen. Bella Italia eben.

Eine ganz besondere Reise stand im Juni 2017 an: Es ging auf die Britische Insel, die Heimat der Raubkatze. Ganz oben in den schottischen Highlands, wo nicht nur das Frühstück, sondern meist auch das Wetter very british gewesen ist, gefiel es Sozia und mir am besten, die entlegenen Single-Trails machten ebenso viel Spaß wie Abends dann der eine oder andere Single Malt. Schade nur, dass unsere Routenplanung keinen Abstecher ins Triumph-Werk nach Hinckley zugelassen hat, aber aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben…

Zurück in die Gegenwart. Im burgenländischen Pöttsching, nur wenige Kilometer von meinem Elternhaus entfernt, wo ich nach den diversesten Mopeds mit der legendären XT500 einst auch mein erstes Motorrad bewegte, ist es soweit: 150.000 Kilometer stehen auf dem Tacho! Zur Burg Forchtenstein rauf, der Lieblingsstrecke meiner Jugend, ist es sich nicht ganz ausgegangen, aber man kann sich nicht alles aussuchen im Leben. Meines hat dieses Motorrad auf jeden Fall bereichert, die gemeinsamen Erlebnisse verbinden. Es ist ein Moment des Innehaltens, wie ich erst einmal rundherum gehe und dann Erinnerungsfotos schieße. Was mir der Tiger jetzt wohl erzählen würde, könnte er sprechen? Wahrscheinlich würde er mich wegen meiner obskuren Handbewegungen fragen, warum ich auf eine Griffheizung verzichtet habe. Vielleicht werde ich uns beiden zur Feier des Tages ja doch noch eine spendieren – für die nächsten (hoffentlich) 150.000 Kilometer.

Wer mehr über Wolfs Motorradreisen bzw. auch von seinen Erfahrungen mit der Triumph Tiger 800 XC lesen möchte, der kann das auf seinem Blog www.bike-on-tour.com tun, auf dem es mittlerweile auch über 250 Videos rund ums Motorrad bzw. Reisen zu sehen gibt.