Inspiration: Big Trip

Skandinavischer Sommer

Mit meiner Tiger nach Trollstigen

„Wenn Du es dir kaum erlauben kannst, der Arbeit zwei Wochen lang den Rücken zu kehren, musst Du verdammt sicher sein, dass Du keinen einzigen Tag verschwendest.“

David Forbes ’nagende Befürchtung‘ ist bei Abenteuersuchenden auf zwei Rädern, die jedes Jahr zu lange in einem Büro festsitzen, recht verbreitet. Sie berechnet die uralte Gleichung von Zeit und Aufwand gegen die Erfahrung.

Als er also seinen eigenen wertvollen Urlaub von der Architekturfirma abzeichnete, die er vor zehn Jahren gegründet hatte, rechnete er damit, dass eine Camping-Tour durch Skandinavien mit einem Teil der Ostsee alle Wünsche erfüllte.

„Ich habe einen gewöhnlichen Schreibtischjob. Mein Ziel war es, auf mein Motorrad zu steigen und etwas Außergewöhnliches mit den durchschnittlichen vierzehn Tagen Urlaub zu machen, die die meisten Leute für ihre Sommerferien nehmen.“

4.500 Meilen ohne GPS zu fahren, und sich ausschließlich auf einen angeborenen Orientierungssinn und einen vergilbten Straßenatlas zu verlassen, würde nur zu dem gesteigerten Gefühl von Freiheit und Zweifel beitragen.

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„Ich bin dort hin gefahren, um die Wege abseits befestigter Straßen und Schotterpisten zu erkunden. Wenn ich irgendwo im Westen ankommen musste, fuhr ich in diese grobe Richtung und schaute, wo ich landete. Und das war ein unglaubliches Gefühl“, sagte er.

Erster Stopp auf der Rundreise mit seiner neuen Tiger XCx war Göteborg in Schweden – eine frühe Chance, den Versuch auf die Probe zu stellen, „eine neue Welt in vierzehn Tagen zu erleben“: „Je nördlicher ich kam, je weniger Straßen, wenig Verkehr und viel Wildnis gab es. Aber die Zweifel, während ich weiter fuhr, machten es noch mehr zu einem Abenteuer.

Wie alle Motorrad-Abenteurer entwarf David auf der riesigen Fähre aus Großbritannien eine grobe Checkliste… um nur auf kleineren Straßen rund um die Fjorde zu fahren, den Polarkreis zu durchqueren, die Ostsee zu besuchen und mit einem Handelsschiff zu fahren.

Was folgte, war eine unvergessliche Reise durch Landschaften, die sich jeden Tag fünfmal änderten. Von Ackerland bis zu schneebedeckten Hochplateaus und von Gletschern bis zu Alpentälern und natürlich den Fjorden.

Ich sog die Aussicht in mich hinein, wollte die Erinnerung an das, was ich sah und an das Gefühl speichern, diesen wundervollen Ort für mich alleine zu haben, wenn auch nur für eine Weile.

David Forbes

Wenn jemand so etwas in einen Film zeigt, würde man einfach annehmen, in Wirklichkeit nicht existiert.

„Es hat etwas, mit einem Motorrad durch eine so abgelegen und wunderschöne Gegend zu fahren. Die Leute sind freundlich, weil sie wissen, dass man wirklich dort sein will. Und man erkennt, dass, egal was geschieht, die Leute einem immer helfen werden und dass alles in Ordnung ist“, sagte er.

„Es geht darum, unsere Zweifel zu nutzen, damit sie uns die Energie geben, es einfach zu tun.“

Sie möchten Ihren Urlaub nicht verschwenden? Begleiten Sie David für einen Vorgeschmack auf seinem skandinavischen Urlaub vom Alltag.

Sanfter Aufbruch

Als ich in der Morgendämmerung in Göteborg ankam, bestand mein einziger Plan darin, nach Norden in die grob richtige Richtung zu fahren. Reiseziel Lillehammer.

Die Straßen schlängelten sich durch ländliche skandinavische Idylle, mit Bauernhäusern und Nebengebäuden aus Holz, die in der Landschaft verstreut standen. Der Tag rollte mühelos vorbei und ich erreichte bald Norwegen.

Die Landschaft wurde allmählich bergiger im Vergleich zu den rollenden schwedischen Hügel, und am späten Nachmittag erreichte ich Lillehammer, eine kleine Stadt, die von Sprungschanzen auf dem Hügel dominiert wurde, der über den Häuser ragte. Es ist ein angenehmer Ort, aber am frühen Abend schlossen alle Geschäfte und Cafés. Deshalb fuhr ich weiter.

Die kleine Stadt Dokka liegt etwas westlicher als Lillehammer. Sie liegt an der Strecke, die ich zu den Fjorden geplant hatte. Aber meine Suche nach einem freien Platz zum Kampieren endete mit der Erkenntnis, dass in dieser Gegend jeder noch so kleine offene und flache Raum besiedelt ist.

Irgendwann suche ich mir einfach an einen Platz in der Nähe der Straße, wo mein Zelt und mein Motorrad außer Sicht waren.

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Island an einem Tag

Ich erwachte mit Gedanken an die Fjorde. Aber meine Vorstellungen davon kamen der Realität ihrer absolut unglaublichen Schönheit nicht einmal annähernd nahe.

Nach meiner bescheidenen Übernachtungsmöglichkeit war Geiranger der nächste Ort für eine Übernachtung. Meine Route führte allmählich hinauf auf ein 2.000 Meter hohes Hochplateau, als die Temperatur sank.

Es regnete, aber das war mir egal. Die weite Landschaft war mit kleinen Dörfern übersät, und Schafe und Ziegen trotteten sorglos über die Straße. Als ich um eine Kurve bog, graste dort ein Elch direkt am Straßenrand. Mensch, sind die groß!

Ich fuhr bergab, und die Fjorde erschienen durch den Nieselregen und die niedrigen Wolken. Meine Reise führte mich durch einen Tunnel nach dem anderen, einige davon bis zu 6 km lang, und spuckte mich auf einer der Fähren aus, die auf den kristallklaren Gewässern zwischen riesigen, von Bäumen bedeckten Bergen hin und her fahren.

Ich fuhr an der Seite eines Fjords nach Skjolden hinauf und immer höher in eine der einzigartigsten und atemberaubendsten Landschaften, die ich je gesehen habe. Mit rund 2.500 Meter Höhe und noch überwiegend schneebedeckt, machte sie mich sprachlos.

Ich lachte laut auf, als ich die Straße entlang fuhr, die sich hinauf und hinunter durch die weit offene, karge Landschaft schlängelte und ich erinnere mich, dass ich dachte: „So muss Island sein“.

Hier raste man nicht durch. Ich blieb trotz der niedrigen Temperaturen und der ständigen Feuchtigkeit häufig stehen. Auf halber Strecke entdeckte ich ein Ski- und Motorschlittencenter. Es war ein schönes neues Gebäude. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand beobachtete ich aus dessen Wärme heraus die Leute auf Skiern draußen im Schnee. Im Juli!

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Dunkle Felsen erheben sich

Die Straße hinunter durch die Wolken führte zu einem sehr alpin aussehenden Tal; etwas Sonnenschein und Wärme.

Etwas weiter östlich waren die Straßen immer weniger befahren und wurden zu weitläufigen Asphaltbahnen, auf denen niemand unterwegs war. Die Umgebung änderte sich von üppigem Grün in wilde Heidelandschaft.

Die umliegenden Berge waren bedrohlich, felsiger und weniger bewaldet. Es fühlte sich an, als führe ich ans Ende der Welt. Ein Gefühl, das durch einen gigantischen Berghang noch verstärkt wird, der wie ein riesiger, glatter, dunkler Felsen, senkrecht vor mir aufsteigt und dessen Spitze in Wolken verborgen ist.

Wenn jemand so etwas in eine Film zeigt, würde man einfach annehmen, dass es computergeneriert ist und dass solche Dinge nicht wirklich existieren.

Von dieser bedrohlichen Kreuzung führte die Straße direkt nach Geiranger. Wenn ich direkt sage, meine ich alles andere als das! Ich fuhr die steilen Serpentinen und Haarnadelkurven hinunter, während die Höhe schnell auf Meeresspiegelniveau sank. Ich hatte nicht ganz realisiert, wie hoch oben ich gewesen war, aber es erklärte die kalte, karge Landschaft, die ich eben gesehen hatte.

Der Regen und die niedrige Wolkendecke verdeckten zunächst den Blick auf die Stadt. Aber als ich näher kam und der Verkehr zunahm, sah ich, dass Geiranger eine belebtere kleine Stadt war, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich machte mich auf den Weg zu einem kleinen Campingplatz außerhalb der Stadt am Rande des Wassers. Eine spektakuläre Kulisse, um eine der aufregendsten, überraschendsten und lohnendsten Tagestouren zu beenden, die ich je gemacht hatte.

Wenn man auf einer Straße fährt…

Ich folgte meiner Nase nach Norden und stand vor allen anderen auf, um Geiranger zu verlassen, und binnen Minuten war ich auf dem Gipfel des Berges und schaute zurück. Die morgendliche Sommersonne schien auf eine spektakuläre und wunderschöne Landschaft aus Bergen, Hochplateaus und Tälern herab. Die klare Luft erlaubte eine Fernsicht, die ich in Bristol noch nie erlebt hatte.

Ich sog die Aussicht in mich hinein, wollte die Erinnerung an das, was ich sah speichern, und an das Gefühl, diesen wundervollen Ort für mich alleine zu haben, wenn auch nur für eine Weile.

Als ich grob in Richtung Norden fuhr mit dem Wissen, dass ich früher oder später in Trondheim und/oder an der schwedischen Grenze landen würde, nahm ich eine Straße, die an der Seite eines hellen türkisfarbenen Fjords entlang verlief. Dieser war voller Mineralien, die von der Schneeschmelze in den Bergen heruntergespült worden waren. Wasserfälle stürzten sich über jede Felswand und vereinigten sich mit anderen Wasserläufen zu riesigen Flüssen, die sich in der Masse des Fjords verloren.

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Die zunehmende Höhe wäre ohne das kultivierte Grün, das langsam einer raueren und wilden Landschaft weichte, nicht wahrnehmbar gewesen. Die Temperatur sank trotz des anhaltend blauen Himmels und Sonnenscheins. Flüsse durch diese Wildnis stürzten sich durch steinige Betten in schäumende Stromschnellen. Ich war hierher gekommen, um ungezähmte Freiräume zu erleben, und hatte sie gefunden.

Die Straße hinunter von diesem schönen Fleck musste spektakulär sein. Ich bekam eine Vorstellung davon, wie spektakulär sie tatsächlich war, als ich rechts ran fuhr, um einen Wohnwagen vorbei zulassen, der den Berg hinaufkroch, und die Straße vor mir sah, die in die Seite einer fast senkrechten Klippe eingemeißelt war.

Die Straße schien fast direkt unter mir zurückzuführen. Vorsichtig schlängelte ich mich den Berghang hinab. Wasserfälle benässten die Straße bis in Haarnadelkurven, Serpentinen und den Talboden.

Ich war den Trollstigen unbeabsichtigt gefahren, und ich hatte ihn nur gefunden, weil ich an einer T-Kreuzung rechts abgebogen war, weil das schöner aussah – ein Beweis dafür, dass die Navigationsmethode „immer der Nase nach“ besser ist, als ein Navi.

TIGER Power

In der Nähe von Trondheim war die Straße ein Schock. Belebte, moderne Straßen mit mehreren Fahrbahnen, wie ich sie seit den britischen Autobahnen nicht mehr gesehen hatte. Obwohl das erst ein paar Tage her war, schienen es Wochen zu sein.

Die ländliche Idylle des Südens war einem weitreichenden Blick auf bewaldete Berge und Hügel gewichen, soweit das Auge sehen konnte. Nur die Gipfel der Berge wurden niedriger, als ich über die Grenze von Norwegen zurück nach Schweden fuhr.

Ich suchte erfolglos nach wilden Campingplätzen, bis meine Tiger XCx zur Rettung kam. Ich fand eine kleine, unbenutzte Schotterpiste und beschloss, sie zu erkunden. Es dauerte ca. einen Kilometer, bis sie ruhig und abgeschieden wurde. Ich konnte die Straße nicht hören, niemand kam vorbei und ich machte es mir nach einem langen, aber sehr befriedigenden Fahrtag für die Nacht gemütlich.

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Der perfekte Kreis

Bis zur Spitze Schwedens, Land der Mitternachtssonne und wieder etwas von meiner Checkliste abgehakt, als ich den Polarkreis überquerte. Es war etwas, was ich tun musste, und vielleicht etwas, was für Festland-Europäer weit selbstverständlicher ist, als für Menschen aus Großbritannien und den Staaten.

Danach ging es Mitten durch Finnland zurück. Ein Land, dessen Norden flach, ausgedehnt und unbewohnt und voller Rentiere ist. Das erste Mal, als ich eins sah, hat es mich umgehauen. Aber als der Verkehr zunahm, schwand ihre Zahl.

Finnland bietet einem nicht die gleiche geologische Verwunderung, wie Schweden und Norwegen, aber Helsinki ist wunderschön. Das Einzige, was man bemerkt, ist, dass mit zunehmendem Verkehr die Menschen weniger freundlich werden. Es ist, als ob Nordskandinavien so ist, wie die ganze Welt sein sollte.

Als Faustregel gilt, obwohl man das natürlich nicht verallgemeinern kann, je weiter nördlich ich mich befand, desto gastfreundlicher waren die Leute. Ich denke, das liegt daran, dass die Einheimischen sehr erfreut sind, dass man hier ist, um ihre Heimat im wahrsten Sinne zu erleben… auf einem Motorrad.

Ich hatte geplant, Russland zu besuchen. Aber leider war das keine Option, da ich kein Visum bekam, obwohl ich immer noch nicht ganz weiß, warum nicht. Sogar die Person, die ich im russischen Visumbüro getroffen habe, konnte das nicht verstehen.

Es scheint, dass ich aus verschiedenen Gründen weder genau in die Visumkategorie für Touristen noch in die für Transit passte. Falls ich mich in der Zukunft entschließe, nach Russland zu gehen, werde ich einen Visum-Dienstleister für die Beantragung benutzen, obwohl das teurer ist.

So habe ich nun etwas mehr Zeit für die ehemaligen baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, bevor ich durch Polen, Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich wieder nach Hause fahre. Sie waren wunderschön. Aber der Verkehr war viel schneller und belebter. Es schien fast, als würde ich in eine etwas zynischere Welt zurückkehren.

Es gab unvergessliche Momente – wie den Versuch, meinen Weg durch Lettlands Hauptstadt Riga zu finden – aber es wird immer der skandinavische Abschnitt dieser Reise bleiben, der mir den Atem raubt.

Ich war nur zwei Wochen dort, aber meine Erinnerungen daran werde ich mein Leben lang behalten.